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06. Mai 2020

«Die wenigsten machen sich Gedanken, wie ein Produkt in die Regale kommt.»

Gian Carlo Alessi, Leiter Departement Fracht EuroAirport, erläutert, wie er die Luftfracht-Logistik an unserem Flughafen in dieser anspruchsvollen Zeit wahrnimmt.

 
Gian Carlo Alessi, Leiter Departement Fracht, EuroAirport
Herr Alessi, welche Bedeutung kommt der Logistik und insbesondere der Luftfracht zu?

Logistik bleibt leider meistens eher im Hintergrund, man nimmt sie nicht wahr oder erst dann, wenn etwas nicht funktioniert hat. Die wenigsten machen sich Gedanken, wie ein Produkt überhaupt erst in die Regale beziehungsweise zu ihnen nach Hause kommt. Oder wie etwa die Spitalversorgung gewährleistet wird. Mit der Corona-Krise wird jedoch vielen Menschen klar, wie wichtig die Logistiker sind, egal ob Pilot, LKW-Chauffeur oder Lagerist.

Ich finde es aber falsch, jetzt die Luftfracht als aussergewöhnlich zu feiern. Denn die Luftfracht und die Logistik allgemein waren schon immer wichtige Elemente für eine gut funktionierende Landesversorgung. Kommt hinzu, dass die Luftfracht für die Exportwirtschaft sehr wichtig ist. Eine Zahl, um dies zu unterstreichen: 2019 betrug der wertmässige Anteil der Luftfrachtexporte gemessen an alle Exporten im Überseeverkehr 82 Prozent.

 
Wie ist es, am derzeit faktisch stillgelegten Flughafen zu arbeiten?

Es ist paradox, denn unser Flughafen ist nach wie vor offen. Auf der einen Seite sehen wir einen funktionierenden Frachtbetrieb, es finden Sanitäts- und Rettungsflüge statt, und auf der anderen Seite ist der Passagierverkehr praktisch auf null reduziert. Einige Airlines haben nun aber bereits wieder ein Hochfahren ihres Angebots angekündigt. 

 
Wie wirkt sich die Pandemie auf die Luftfracht am EuroAirport aus?

Wir haben vor allem in den ersten Wochen der Corona-Krise einen erhöhten Zuwachs an Flügen und Frachtvolumen verzeichnet. Es wird viel im Bereich Schutzmaterial importiert und der Onlinehandel hat in diesen Wochen auch zugenommen. Zudem durften wir für die Qatar Airways zusätzliche Fracht-Flieger abfertigen, da an anderen Flughäfen der Abfertigungsbetrieb gestört war. Dies wird sich aber wieder normalisieren.

Wir spielen hier mit dem EuroAirport eine wichtige volkswirtschaftliche Rolle für die Region. Zum einen tragen wir zum Funktionieren der weltweiten Logistikkette bei, zum anderen leisten wir damit einen wichtigen Beitrag für den möglichst raschen Wiederaufschwung der regionalen Wirtschaft, sobald die staatlichen Restriktionen gelockert werden können.

 
Wie bewährt sich das neue Cargo Terminal in dieser aussergewöhnlichen Situation?

Das Cargo Terminal ist natürlich ein wichtiger Faktor im Ganzen – einerseits bietet es genügend Platz, um die ungeplanten hohen Volumina umschlagen zu können, andererseits spielen Flexibilität, hoher Service- und Qualitätsstandard sowie schnelle Entscheidungswege ebenfalls eine wichtige Rolle.

 

Die Medien berichten sowohl von zunehmender wie auch sinkender Luftfracht seit der weltweiten Corona-Krise. Was trifft zu?

Das kommt auf die Sichtweise, beziehungsweise das Land und den Flughafen an. Grundsätzlich ist der Bedarf an Luftfracht da und hat in gewissen Bereichen sogar zugenommen. Andererseits gibt es Gütergruppen, die zurzeit weniger gefragt sind. Man bedenke, dass die Kapazitäten aufgrund der Stilllegung vieler Flotten weltweit extrem reduziert sind – ein Flughafen der zum Beispiel ausschliesslich mit grossen Passagiermaschinen angeflogen wird, hat einen stärkeren Einbruch als wir, wo ein Grossteil per Frachtmaschinen transportiert wird. Dass jetzt einige Airlines ihre Passagier-Maschinen für reine Frachtflüge einsetzen und zum Teil durch Herausnehmen der Sitze noch mehr Frachtkapazitäten schaffen wollen zeigt, dass der Bedarf an Luftfracht weiterhin hoch ist. 

Andreas Maeder
Cluster & Initiativen
a.maeder@hkbb.ch
T +41 61 270 60 78

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